Die Beziehung zu den eigenen Eltern – Nähe, Abstand und Frieden
Kaum eine Beziehung prägt uns so früh und so nachhaltig wie die zu unseren Eltern. Auch wenn wir längst erwachsen sind, eigene Wohnungen, Berufe und vielleicht Kinder haben, reagiert etwas in uns noch immer auf einen bestimmten Tonfall am Telefon, auf einen Blick beim Familienessen oder auf das, was nie gesagt wurde. Wenn Sie sich fragen, wie Sie zu Ihren Eltern stehen und welchen Platz Sie zwischen Nähe und Abstand finden möchten, kann eine Familienaufstellung zur Beziehung mit den Eltern ein Weg sein, diese Fragen nicht nur zu denken, sondern im Raum zu sehen.
Warum die Beziehung zu den Eltern uns ein Leben lang begleitet
Unsere Eltern sind die ersten Menschen, an denen wir lernen, was Beziehung bedeutet. Wir erfahren bei ihnen, ob wir willkommen sind, ob unsere Gefühle Platz haben, ob man sich auf andere verlassen kann. Diese frühen Erfahrungen sind keine Schicksalsurteile, aber sie bilden eine Art inneres Grundmuster. Aus psychoanalytischer und tiefenpsychologischer Sicht wirken sie oft unbewusst weiter: in der Art, wie wir lieben, streiten, arbeiten oder uns um Hilfe bitten.
Dazu kommt, dass Eltern selbst Kinder ihrer Eltern waren. Was sie uns geben konnten und was nicht, hängt auch davon ab, was sie selbst bekommen haben, welche Zeit sie geprägt hat, welche Verluste und Brüche in ihrer Geschichte liegen. Wer das versteht, muss nichts entschuldigen. Aber der Blick wird oft weiter und milder – zuerst manchmal sich selbst gegenüber.
Typische Themen: zu nah, zu fern, zu viel Unausgesprochenes
Die Anliegen, mit denen Menschen zu mir kommen, sind sehr unterschiedlich. Einige Muster tauchen aber immer wieder auf:
- Zu viel Nähe: Ein Elternteil ruft täglich an, mischt sich in Entscheidungen ein oder erwartet, dass man sich um sein Wohlbefinden kümmert. Man fühlt sich verantwortlich und gleichzeitig eingeengt.
- Zu viel Distanz: Der Kontakt ist abgebrochen oder auf Pflichtbesuche reduziert. Äußerlich ist Ruhe, innerlich bleibt etwas unruhig, traurig oder wütend.
- Vertauschte Rollen: Schon als Kind hat man getröstet, vermittelt oder die Stimmung in der Familie getragen. Als Erwachsene fällt es schwer, sich selbst etwas zu gönnen, ohne Schuldgefühle.
- Alte Erwartungen: Der Wunsch, endlich gesehen, anerkannt oder um Verzeihung gebeten zu werden – oft verbunden mit der wiederholten Enttäuschung, dass es nicht passiert.
- Alternde Eltern: Krankheit, Pflege oder der nahende Abschied werfen die Frage auf, was man noch klären möchte und was man für sich selbst braucht.
Oft geht es dabei nicht um ein einzelnes Ereignis, sondern um eine Dynamik, die über Jahre gewachsen ist. Genau solche Dynamiken lassen sich in einer Aufstellung gut sichtbar machen.
Was eine Familienaufstellung zur Elternbeziehung zeigen kann
In einer Aufstellung stellen Sie Ihr inneres Bild der Familie in den Raum: sich selbst, Ihre Mutter, Ihren Vater, vielleicht Geschwister oder Großeltern. Im Einzelsetting geschieht das mit Figuren, Bodenankern oder Kissen, im Gruppenseminar mit Stellvertreter:innen. Allein die Positionen sagen oft viel: Wer steht wem gegenüber, wer schaut weg, wer ist auffallend weit entfernt?
Im weiteren Verlauf kann sich zeigen, wo etwas feststeckt. Manchmal wird deutlich, dass man unbewusst zwischen den Eltern steht. Manchmal zeigt sich, dass ein Elternteil auf jemand ganz anderen schaut – auf einen früh verstorbenen Bruder, auf eine verlorene Heimat, auf die eigene Mutter. Solche Bilder ersetzen keine Erklärung, aber sie können etwas spürbar machen, das sich mit Worten schwer fassen lässt.
Wichtig ist mir dabei: Die Aufstellung ist kein Gericht. Es geht nicht darum, festzustellen, wer schuld ist. Es geht darum, das eigene Erleben ernst zu nehmen und gleichzeitig zu sehen, in welchem größeren Zusammenhang es steht.
Ein typisches Beispiel
Ein typisches Beispiel, zusammengesetzt aus vielen ähnlichen Anliegen: Eine Frau Anfang vierzig beschreibt, dass sie sich nach jedem Telefonat mit ihrer Mutter erschöpft fühlt. Sie möchte den Kontakt nicht abbrechen, aber sie möchte sich nicht mehr klein fühlen. In der Aufstellung stellt sie sich sehr nah vor die Mutter, fast wie ein Schutzschild. Hinter der Mutter steht, als die Stellvertreterin für die Großmutter dazukommt, eine große Leere. Die Klientin merkt: Sie hat versucht, etwas zu ersetzen, das die Mutter selbst nie bekommen hat. Als sie einen Schritt zurück an ihren eigenen Platz geht, beschreibt sie zum ersten Mal Erleichterung – und auch Traurigkeit. Nichts ist damit „gelöst“, aber sie hat ein neues inneres Bild, mit dem sie weiterarbeiten kann.
Nähe und Abstand neu sortieren
Viele Menschen glauben, sie müssten sich entscheiden: entweder ganz nah oder ganz weg. In der Praxis liegt dazwischen ein weites Feld. Ein guter Abstand kann bedeuten, seltener anzurufen, bestimmte Themen nicht mehr zu besprechen oder Besuche anders zu gestalten. Er kann auch bedeuten, innerlich nicht mehr so verstrickt zu sein, selbst wenn äußerlich alles gleich bleibt.
In einer Aufstellung können Sie verschiedene Abstände ausprobieren und spüren, wie sie sich anfühlen. Das klingt einfach, ist aber oft überraschend aufschlussreich. Manche merken, dass ein Schritt mehr Distanz ihnen erlaubt, die Eltern freundlicher anzusehen. Andere entdecken, dass sie sich eigentlich mehr Nähe wünschen, als sie sich bisher eingestanden haben.
Gesunde Abgrenzung ist dabei keine Ablehnung. Sie ist die Voraussetzung dafür, als Erwachsene in Kontakt zu sein, statt als Kind, das sich anpasst oder rebelliert. Wer sich für die Verbindung zwischen Müttern und Töchtern im Besonderen interessiert, findet dazu einen eigenen Beitrag: Mutter und Tochter: Loyalität, Nähe und Abgrenzung.
Was „Frieden mit den Eltern“ bedeuten kann – und was nicht
Der Begriff „Frieden schließen“ wird in der Aufstellungsarbeit häufig verwendet, und er wird manchmal missverstanden. Frieden bedeutet nicht, dass Sie alles gutheißen müssen, was geschehen ist. Er bedeutet nicht, dass Sie Kontakt halten müssen, und auch nicht, dass Ihre Eltern sich ändern werden.
Frieden kann eher heißen: Ich muss nicht mehr ständig gegen etwas ankämpfen. Ich kann anerkennen, was ich bekommen habe, und betrauern, was gefehlt hat. Ich nehme das Leben, das ich durch meine Eltern habe, und gestalte es selbst weiter. Dieser innere Frieden ist ein Prozess, kein einmaliges Ereignis, und er sieht für jeden Menschen anders aus.
In der klassischen Aufstellungsarbeit gab es Formeln und Rituale, die Klient:innen nachsprechen sollten, etwa Verbeugungen vor den Eltern. Ich arbeite damit sehr zurückhaltend. Ein Satz oder eine Geste hat nur dann Sinn, wenn sie sich für Sie stimmig anfühlt. Niemand muss sich vor jemandem verneigen, der ihm Gewalt angetan hat.
Wenn Eltern verletzt haben
Manche Menschen haben in ihrer Kindheit Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch erlebt. Auch dann kann eine Aufstellung hilfreich sein, etwa um die eigene Position klarer zu sehen oder Schutz und Abstand zu erleben. Gleichzeitig braucht es hier besondere Sorgfalt. In solchen Fällen ist eine Aufstellung meist ein Baustein unter mehreren und kann eine begleitende Psychotherapie nicht ersetzen. Wenn Sie sich dafür interessieren, finden Sie Informationen zur tiefenpsychologischen Einzeltherapie in meiner Praxis.
Aufstellungsarbeit ist keine Krisenintervention. Wenn Sie sich in einer akuten seelischen Notlage befinden, wenden Sie sich bitte an den Berliner Krisendienst unter 030 390 63 00 oder an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111, die rund um die Uhr erreichbar ist.
Wenn die Eltern nicht mehr leben oder unbekannt sind
Für eine Aufstellung müssen Ihre Eltern weder anwesend sein noch davon wissen. Auch wenn ein Elternteil verstorben ist oder Sie ihn nie kennengelernt haben, lebt er in Ihrem inneren Familienbild weiter. Gerade dann kann es berührend sein, diesem Menschen in der Aufstellung einen Platz zu geben. Oft wird erst dabei spürbar, wie viel Raum diese Abwesenheit im eigenen Leben eingenommen hat.
Ebenso können Fragen auftauchen, die die Großelterngeneration betreffen: Flucht, Krieg, Migration, frühe Todesfälle. Viele meiner Klient:innen haben familiäre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion, und die Geschichten dieser Familien sind häufig von Brüchen geprägt, über die lange geschwiegen wurde. Eine Aufstellung kann helfen, diese Zusammenhänge behutsam in den Blick zu nehmen.
Fragen zur Vorbereitung
Bevor Sie eine Aufstellung machen, kann es hilfreich sein, ein paar Fragen für sich zu bewegen. Sie müssen keine fertigen Antworten haben; oft genügt es, die Fragen eine Weile mit sich zu tragen:
- Wann fühle ich mich in der Nähe meiner Eltern wie ein Kind – und wann wie eine erwachsene Person?
- Was erwarte ich noch von meiner Mutter oder meinem Vater, auch wenn ich weiß, dass es wahrscheinlich nicht kommt?
- Was habe ich von meinen Eltern bekommen, wofür ich dankbar bin?
- Welcher Abstand würde sich für mich gerade stimmig anfühlen?
Solche Fragen öffnen den Blick und helfen dabei, in der Sitzung ein klares Anliegen zu formulieren.
Wie eine Sitzung zur Elternbeziehung abläuft
Am Anfang steht ein unverbindliches Kennenlerngespräch. Darin klären wir, was Sie bewegt und ob eine Aufstellung für Ihr Anliegen der passende Weg ist. In der Sitzung selbst formulieren wir zunächst gemeinsam Ihr Anliegen, möglichst konkret: Was möchten Sie verstehen, was soll sich verändern?
Danach stellen Sie die Familienmitglieder auf, die Ihnen wichtig erscheinen. Ich begleite Sie dabei, nachzuspüren, was die Positionen in Ihnen auslösen, und schlage gegebenenfalls Veränderungen vor. Am Ende steht kein fertiges Ergebnis, sondern ein Bild, das Sie mitnehmen. Viele Menschen erleben, dass es in den Tagen und Wochen danach weiterwirkt – im Denken, in Träumen, manchmal auch in einem veränderten Gespräch mit den Eltern.
Einzelsitzungen dauern 55, 90 oder 120 Minuten und kosten 90, 120 oder 160 Euro. Ich arbeite auf Deutsch oder auf Russisch, meiner Muttersprache. Einzeltermine finden derzeit sonntags zwischen 9 und 17 Uhr in Berlin-Prenzlauer Berg statt. Wer lieber in der Gruppe arbeiten möchte: Am 28. November 2026 gibt es einen Aufstellungstag zum Thema „Ich und meine Familie“.
Offen und transparent: Grenzen der Methode
Aufstellungsarbeit ist eine erfahrungsorientierte Methode. Ihre wissenschaftliche Grundlage ist begrenzt, und ich verspreche keine bestimmten Ergebnisse. Was ich anbieten kann, ist ein geschützter Rahmen, in dem Sie Ihre Familie aus einer neuen Perspektive betrachten können. Was Sie daraus machen, bleibt Ihre Entscheidung. Für manche Menschen ist eine einzelne Aufstellung ein wichtiger Impuls, andere arbeiten über einen längeren Zeitraum mehrmals an verschiedenen Aspekten.
Möchten Sie Ihre Beziehung zu den Eltern in einer Aufstellung anschauen?
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