Kriegsenkel: Wie Erfahrungen der Großeltern in uns nachwirken können
Sie sind in Frieden aufgewachsen, haben selbst keinen Krieg erlebt – und trotzdem gibt es da eine Unruhe, eine Schwere oder eine Wachsamkeit, die sich mit Ihrem eigenen Leben nicht recht erklären lässt? Viele Menschen, deren Großeltern Krieg, Flucht, Vertreibung oder Hunger durchgemacht haben, kennen dieses Gefühl. Man nennt sie Kriegsenkel. In diesem Artikel geht es darum, wie Erfahrungen der Großelterngeneration in einer Familie weiterwirken können, woran man das manchmal bemerkt – und was eine Familienaufstellung dabei sichtbar machen kann, ohne mehr zu versprechen, als sie halten kann.
Wer sind die Kriegsenkel?
Als Kriegsenkel bezeichnet man meist die Generation, deren Eltern als Kinder den Zweiten Weltkrieg oder die unmittelbare Nachkriegszeit erlebt haben – die sogenannten Kriegskinder. Die Großeltern waren Soldaten, Ausgebombte, Geflüchtete, Witwen, Zwangsarbeiterinnen, Überlebende von Blockade und Besatzung. Bekannt geworden ist der Begriff in Deutschland vor allem durch die Bücher der Journalistin Sabine Bode, die mit vielen Betroffenen gesprochen hat.
„Kriegsenkel“ ist kein fest umrissener Fachbegriff und keine Diagnose, sondern eher eine Selbstbeschreibung. Viele Menschen zwischen Mitte dreißig und Ende fünfzig finden sich darin wieder. Und der Gedanke lässt sich übertragen: auf Familien, die in der Sowjetunion Krieg, Repression und Deportation erlebt haben, auf Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Syrien, aus der Ukraine. Überall dort, wo eine Generation Gewalt und Verlust überstehen musste, stellt sich für die nächsten oft dieselbe Frage: Was davon ist bei uns angekommen – und was davon gehört eigentlich gar nicht zu mir?
Wie Erfahrungen über Generationen weitergegeben werden können
Es gibt keine einfache Antwort darauf, wie das Erleben der Großeltern bei den Enkeln ankommt. Wahrscheinlich wirken mehrere Wege zusammen, und sie sind unterschiedlich gut erforscht.
Durch Beziehung und Atmosphäre
Kinder lernen nicht nur durch das, was Erwachsene sagen, sondern vor allem durch das, was sie spüren. Eine Mutter, die als kleines Mädchen im Luftschutzkeller gesessen hat, reagiert vielleicht auf laute Geräusche mit einem Erschrecken, das sie selbst gar nicht bemerkt. Ein Vater, der als Kind gehungert hat, kann es kaum ertragen, wenn Essen weggeworfen wird. Solche Reaktionen prägen das Klima einer Familie – und das Kind passt sich an, lange bevor es Worte dafür hat. Später, als Erwachsene, spüren diese Kinder eine Anspannung, deren Ursprung sie nicht kennen.
Durch Schweigen
In vielen Familien wurde über den Krieg kaum gesprochen. Manchmal aus Scham, manchmal aus Schuld, oft einfach, weil das Erlebte zu groß war und niemand gelernt hatte, darüber zu reden. Das Schweigen selbst wird dabei zu einer Botschaft: Hier gibt es etwas, das man nicht anrühren darf. Kinder spüren solche Lücken sehr genau. Sie füllen sie mit Fantasien, mit diffusen Ängsten oder mit einer übergroßen Rücksicht auf die Eltern. Nicht selten übernehmen sie unbewusst die Aufgabe, die Familie zu schonen – und stellen die eigenen Bedürfnisse zurück.
Durch Erziehung und innere Regeln
„Reiß dich zusammen.“ „Andere hatten es schlimmer.“ „Bloß nicht auffallen.“ Solche Sätze waren für die Kriegsgeneration oft überlebenswichtig. An Kinder und Enkel weitergegeben, können sie zu inneren Regeln werden, die in einem friedlichen Leben eher einengen als schützen. Wie sich solche Leitsätze anfühlen und wie man in einer Aufstellung mit ihnen arbeiten kann, beschreibe ich ausführlicher im Artikel über Glaubenssätze.
Und die Biologie?
In den letzten Jahren wird viel über Epigenetik gesprochen – also über die Frage, ob extreme Belastungen Spuren hinterlassen, die biologisch an die nächste Generation weitergegeben werden. Die Forschung dazu ist spannend, aber noch jung, und viele Ergebnisse stammen aus Tierstudien oder kleinen Stichproben. Ich halte es für wichtig, das klar zu sagen: Wir wissen noch nicht genau, welche Rolle die Biologie dabei spielt. Für die Arbeit in einer Aufstellung ist das auch nicht entscheidend. Hier geht es um Ihr Erleben, um Ihre Beziehungen und um die Bilder, die in Ihrer Familie wirken.
Mögliche Anzeichen: Woran sich Kriegsenkel manchmal wiedererkennen
Es gibt keine Checkliste, mit der man feststellen könnte, ob jemand „betroffen“ ist. Und nicht jede Schwierigkeit im Leben hat ihre Wurzeln in der Familiengeschichte. Trotzdem beschreiben viele Menschen, die sich als Kriegsenkel verstehen, ähnliche Erfahrungen:
- ein Gefühl von Heimatlosigkeit oder Entwurzelung, obwohl man nie umziehen musste,
- eine ständige innere Alarmbereitschaft und Schwierigkeiten, sich zu entspannen oder sich sicher zu fühlen,
- das Empfinden, kein Recht auf eigene Probleme zu haben, weil es „den anderen ja viel schlechter ging“,
- Mühe, Entscheidungen zu treffen oder sich auf einen Lebensentwurf festzulegen,
- eine diffuse Traurigkeit oder Schwere, für die es im eigenen Leben keinen klaren Anlass gibt,
- Sparsamkeit oder Vorratshaltung, die über das Vernünftige hinausgeht,
- große emotionale Distanz zu den Eltern – oder im Gegenteil das Gefühl, für deren Wohlergehen verantwortlich zu sein.
Wenn Sie sich in einigen Punkten wiederfinden, heißt das nicht, dass „der Krieg schuld ist“. Es kann aber ein Hinweis darauf sein, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen – mit Neugier statt mit fertigen Erklärungen. Manchmal ist schon das ein Gewinn: zu erkennen, dass ein Gefühl einen Ursprung haben könnte, der älter ist als man selbst.
Die Generation dazwischen: Ihre Eltern als Kriegskinder
Wer über Kriegsenkel spricht, kommt an den Eltern nicht vorbei. Die Kriegskinder haben oft früh gelernt, zu funktionieren. Sie haben zerstörte Städte, abwesende Väter, überforderte Mütter und eine Nachkriegszeit erlebt, in der für Gefühle wenig Platz war. Viele von ihnen haben danach mit großer Kraft ein neues Leben aufgebaut – und dabei das eigene Erleben beiseitegeschoben.
Für die Enkel bedeutet das manchmal, Eltern zu haben, die zuverlässig und fürsorglich waren, aber emotional schwer erreichbar. Oder Eltern, die selbst noch Halt suchten und ihn unbewusst bei ihren Kindern fanden. Viele Kriegsenkel berichten, dass sie schon als Kinder gespürt haben, ihre Eltern nicht belasten zu dürfen. Dieses frühe Rücksichtnehmen kann sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzen: in Beziehungen, im Beruf, im Umgang mit den eigenen Kindern.
Eine Aufstellung kann helfen, die Eltern nicht nur als Mutter und Vater zu sehen, sondern auch als die Kinder, die sie einmal waren. Das macht vergangene Verletzungen nicht ungeschehen. Aber es kann den inneren Vorwurf etwas weicher werden lassen – oder umgekehrt erlauben, eine Grenze zu ziehen, ohne sich schuldig zu fühlen. Beides kann seinen Platz haben.
Familien aus der ehemaligen Sowjetunion: eine eigene Geschichte
In meiner Praxis in Prenzlauer Berg arbeite ich auf Deutsch und auf Russisch, und viele Menschen, die zu mir kommen, haben Wurzeln in Russland, der Ukraine, Belarus, Kasachstan oder dem Baltikum. Ich bin selbst 1975 in Kaliningrad geboren, dem früheren Königsberg – einer Stadt, deren Geschichte von Krieg, Vertreibung und Neubesiedlung geprägt ist. Das Thema ist mir also nicht nur fachlich vertraut.
In diesen Familien überlagern sich oft mehrere Schichten: der Krieg selbst, die Leningrader Blockade, Evakuierung, Gefallene und Vermisste, über die nie offen gesprochen wurde. Dazu kommen häufig Repressionen, Lager und die Deportation ganzer Volksgruppen – und später noch die Migration nach Deutschland mit ihrem eigenen Verlust an Sprache, Status und Zugehörigkeit. Für russlanddeutsche Familien kann der Krieg eine doppelte Last bedeuten. In der offiziellen Erinnerung war oft nur Platz für Heldengeschichten; das persönliche Leid, die Angst und manchmal auch die Schuld blieben privat und unausgesprochen.
Mehr zu diesem Thema finden Sie im Artikel Migration in der Familiengeschichte.
Was eine Familienaufstellung bei Kriegsenkel-Themen zeigen kann
Eine Familienaufstellung ist eine Methode, mit der Beziehungen in einem System räumlich dargestellt werden. Personen der Familie – auch Verstorbene oder Menschen, die Sie nie kennengelernt haben – werden durch Stellvertreter:innen, Figuren oder Bodenanker repräsentiert. Dann schauen wir gemeinsam, wie sie zueinander stehen, wer wohin blickt, wo Nähe ist und wo Abstand. Oft entsteht so ein Bild, das sich mit Worten allein nur schwer beschreiben ließe.
Bei Kriegsenkel-Themen kann eine Aufstellung zum Beispiel sichtbar machen:
- wem in der Familie Sie innerlich nahe sind, ohne es zu wissen – etwa einem Großvater, der nicht aus dem Krieg zurückkam,
- welche Gefühle Sie möglicherweise stellvertretend für andere tragen, etwa eine Trauer, die damals keinen Raum hatte,
- wo Schicksale nicht gewürdigt wurden und deshalb gewissermaßen noch „im Raum stehen“,
- wie sich der Blick auf Ihre Eltern verändert, wenn deren eigene Kindheit im Krieg mit in den Blick kommt.
Wichtig ist mir dabei: Eine Aufstellung ist kein Beweis für historische Tatsachen. Was in einer Aufstellung auftaucht, ist ein inneres Bild, ein Erfahrungsraum – keine Auskunft darüber, was „wirklich“ passiert ist. Wenn Sie wissen möchten, was Ihre Großeltern erlebt haben, sind Gespräche mit Verwandten, Briefe, Fotos oder Anfragen bei Archiven der richtige Weg. Die Aufstellung kann helfen, mit dem, was Sie wissen oder ahnen, innerlich anders umzugehen.
Ein typisches Beispiel
Das folgende Beispiel ist aus mehreren Erfahrungen zusammengesetzt und beschreibt keine reale Person.
Eine Frau Anfang vierzig kommt mit dem Anliegen, dass sie sich nirgends wirklich zu Hause fühlt. Sie hat eine gute Arbeit, eine Partnerschaft, eine schöne Wohnung – und trotzdem ist da dieses Gefühl, jederzeit aufbrechen zu müssen. Ihre Großmutter mütterlicherseits ist 1945 mit zwei kleinen Kindern aus Ostpreußen geflohen, eines der Kinder hat die Flucht nicht überlebt. In der Familie wurde darüber kaum gesprochen; die Frau kennt nicht einmal den Namen dieses Kindes.
In der Aufstellung mit Bodenankern stellt sie sich selbst, ihre Mutter und ihre Großmutter auf. Beim Hineinspüren merkt sie, dass sie sich zur Großmutter hingezogen fühlt, aber nicht zu ihr hinschauen kann. Als wir einen Platz für das verstorbene Kind hinzufügen, wird sie zunächst sehr traurig. Dann entsteht etwas Ruhe. Sie findet eigene Worte für die Großmutter, sinngemäß: Ich sehe, was du durchgemacht hast, und ich sehe auch das Kind, das du verloren hast. Und etwas später, an die eigene Adresse: Ich darf bleiben. Ich darf ankommen.
Was diese Frau danach mit dem Erlebten macht und wie es in ihrem Alltag nachwirkt, ist offen. Manche Menschen beschreiben nach einer solchen Erfahrung eine spürbare Erleichterung, andere brauchen Zeit, und für manche ist es ein erster Schritt, dem weitere folgen. Ein bestimmtes Ergebnis lässt sich nicht vorhersagen – und es wäre unseriös, das zu versprechen.
Einzelsetting oder Gruppe?
Kriegsenkel-Themen lassen sich sowohl in einer Einzelaufstellung als auch an einem Aufstellungstag in der Gruppe bearbeiten. Im Einzelsetting arbeiten wir mit Figuren, Bodenankern oder Kissen; Ihre Familie muss dafür nicht anwesend sein. Für viele ist das ein geschützter Rahmen, gerade wenn die Themen schwer oder schambesetzt sind. Aufstellungen im Einzelsetting biete ich derzeit sonntags an, wahlweise auf Deutsch oder Russisch.
In der Gruppe übernehmen andere Teilnehmende die Rollen Ihrer Familienmitglieder. Das kann sehr eindrücklich sein, weil Stellvertreter:innen oft Reaktionen zeigen, die das Bild lebendig werden lassen. Gleichzeitig ist es intensiver, und man teilt sein Thema mit Menschen, die man vorher nicht kannte. Wenn Sie unsicher sind, was für Sie passt, klären wir das im Kennenlerngespräch.
Was eine Aufstellung nicht leisten kann
Ich möchte offen und transparent sein: Aufstellungsarbeit ist eine erfahrungsorientierte Methode. Ihre wissenschaftliche Grundlage ist begrenzt, und sie ersetzt keine Psychotherapie, wenn eine behandlungsbedürftige Erkrankung vorliegt. Bei schweren Traumafolgen, Depressionen oder Angststörungen kann eine Aufstellung eine Ergänzung sein – aber nicht der einzige Weg. In meiner Arbeit verbinde ich die Aufstellung mit einem tiefenpsychologisch fundierten Blick, und manchmal ist es sinnvoll, ein Thema über längere Zeit in Gesprächen zu begleiten.
Vor allem ist eine Aufstellung keine Krisenintervention. Wenn Sie sich gerade in einer akuten seelischen Krise befinden, wenden Sie sich bitte sofort an den Berliner Krisendienst (030 390 63 00) oder an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).
Wie Sie sich dem Thema nähern können
Bevor Sie sich für eine Aufstellung entscheiden, kann es hilfreich sein, ein wenig zu sammeln – ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
- Was wissen Sie? Notieren Sie, was Ihnen über Ihre Großeltern bekannt ist: Herkunft, Kriegserlebnisse, Fluchtwege, Verluste, Berufe.
- Was wissen Sie nicht? Auch die Lücken sind wichtig. Wo wurde geschwiegen? Über wen wurde nie gesprochen? Welche Fragen haben Sie sich nie zu stellen getraut?
- Was spüren Sie? Welche Gefühle tauchen auf, wenn Sie an diese Menschen denken? Mitgefühl, Wut, Leere, Scham – oder gar nichts?
- Was wünschen Sie sich? Mehr Frieden mit den Eltern? Ein besseres Verständnis für sich selbst? Einen Platz für jemanden, der vergessen wurde?
Sie müssen keine vollständige Familiengeschichte mitbringen. Oft reicht ein Gefühl, eine Frage oder ein Satz, der in der Familie immer wieder fiel. Wenn noch Verwandte der älteren Generation leben, kann ein behutsames Gespräch mit ihnen wertvoll sein – auch dann, wenn es kurz bleibt.
Frieden mit dem Erbe – ohne es weiterzutragen
Ein Gedanke ist mir in dieser Arbeit besonders wichtig: Es geht nicht darum, die Großeltern zu verurteilen oder zu verklären. Sie waren Menschen in einer Zeit, die sich die meisten von uns kaum vorstellen können. Manche haben Unrecht erlitten, manche haben Unrecht getan, und nicht wenige waren auf unterschiedliche Weise in beides verstrickt. Eine Aufstellung kann einen Raum öffnen, in dem all das gesehen werden darf, ohne dass Sie es tragen müssen.
Viele Kriegsenkel erleben es als entlastend, das Schicksal der Vorfahren anzuerkennen und gleichzeitig innerlich zu sagen: Das gehört zu euch. Ich lebe in einer anderen Zeit. Das ist kein Vergessen, sondern ein Würdigen – und vielleicht der Anfang, das eigene Leben etwas freier zu gestalten.
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