Weibliche und männliche Seiten in mir – ein Thema für die Aufstellung
„Ich kann mich gut um andere kümmern, aber nicht für mich einstehen.“ Oder umgekehrt: „Ich funktioniere, setze mich durch – aber weich sein kann ich nicht.“ Solche Sätze höre ich oft. Dahinter steht die Frage, wie die weiblichen und männlichen Seiten in mir zueinander stehen. Gemeint ist damit nicht das Geschlecht oder die Identität eines Menschen, sondern innere Haltungen, die wir aus unserer Kultur und Familie mit „weiblich“ und „männlich“ verbinden. Eine Aufstellung kann sichtbar machen, ob diese Seiten in Ihnen gut zusammenarbeiten oder eine davon zu kurz kommt.
Was mit weiblichen und männlichen Seiten gemeint ist
Die Begriffe sind Bilder, keine festen Kategorien. Mit „weiblichen“ Seiten verbinden viele Menschen Qualitäten wie Fürsorge, Empfangen, Weichheit, Intuition oder Verbundenheit. „Männliche“ Seiten stehen oft für Handeln, Abgrenzen, Struktur, Durchsetzung oder Schutz. Jeder Mensch, gleich welchen Geschlechts, trägt beides in sich und braucht beides im Leben.
Schwierig wird es, wenn eine Seite kaum Platz bekommt. Eine Frau, die gelernt hat, dass sie nur geliebt wird, wenn sie sich anpasst, hat vielleicht wenig Zugang zu ihrer klaren, abgrenzenden Seite. Ein Mann, dem als Junge beigebracht wurde, dass Weinen schwach ist, verliert womöglich den Kontakt zu seiner weichen, empfangenden Seite. Und manche Menschen leben ganz bewusst stark in einer Seite, weil die andere früher nicht sicher war.
Es geht dabei nicht um ein perfektes Gleichgewicht oder darum, wie ein Mensch „richtig“ zu sein hat. Manche Menschen leben mehr in der einen, manche mehr in der anderen Seite, und das ist völlig in Ordnung. Interessant wird es dort, wo Sie selbst spüren, dass Ihnen etwas fehlt oder dass eine Seite sich ständig in den Vordergrund drängt und die andere zum Schweigen bringt.
Woher unsere Bilder von „weiblich“ und „männlich“ kommen
Wie wir diese Seiten erleben, hängt eng mit unserer Familie zusammen. Welche Frauen und Männer haben wir als Kinder erlebt? Wie standen Mutter und Vater zueinander? War die Großmutter die starke Frau, die alles zusammenhielt, während der Großvater schwieg? Gab es Sätze wie „Ein Mädchen tut so etwas nicht“ oder „Reiß dich zusammen, du bist doch ein Junge“?
Solche Erfahrungen werden oft zu inneren Überzeugungen, die unser Verhalten lenken, ohne dass wir es merken. Wie sich solche Sätze aufstellen lassen, beschreibe ich im Artikel Glaubenssätze aufstellen. Bei den weiblichen und männlichen Seiten geht es um etwas Ähnliches: um die Frage, welche Anteile wir uns erlauben und welche wir aus Loyalität zur Familie zurückhalten.
Wie eine Aufstellung zu weiblichen und männlichen Seiten aussieht
In der Aufstellung bekommen die beiden Seiten jeweils einen eigenen Platz. Im Einzelsetting arbeite ich dafür mit Bodenankern, Figuren oder Kissen: eines für Sie selbst, eines für Ihre weibliche Seite, eines für Ihre männliche Seite. Manchmal kommen weitere Elemente hinzu, etwa die Mutter, der Vater oder ein Ziel wie „mehr Leichtigkeit“.
Dann schauen wir: Wo liegen die Seiten? Wie weit sind sie von Ihnen entfernt? Schauen sie sich an oder voneinander weg? Wenn Sie probeweise auf die Plätze wechseln, merken Sie oft schnell, wie sich eine Seite anfühlt – zum Beispiel müde, übergangen, kraftvoll oder ängstlich. Im Verlauf geht es darum, beiden Seiten einen guten Platz zu geben, an dem sie einander ergänzen können, statt gegeneinander zu arbeiten.
In der Gruppe übernehmen Stellvertreter:innen die Rollen. Das Thema „Weibliche und männliche Seiten in mir“ war bereits Inhalt eines unserer Aufstellungstage. Ob es wieder angeboten wird, sehen Sie unter Seminare. Im Einzelsetting können Sie es jederzeit anschauen.
Ein typisches Beispiel
Das folgende Beispiel ist aus mehreren Situationen zusammengesetzt und beschreibt keine reale Person.
Eine Frau Ende vierzig, Führungskraft, beschreibt sich als „immer im Einsatz“. Sie fühlt sich erschöpft und hat den Eindruck, nur noch zu funktionieren. In der Aufstellung legt sie den Anker für ihre männliche Seite direkt neben sich, den für ihre weibliche Seite weit weg in eine Ecke. Auf dem Platz der weiblichen Seite sagt sie: „Hier hat mich lange niemand besucht.“ Sie erinnert sich, dass ihre Mutter oft gesagt hat: „Verlass dich nie auf andere.“
Wir holen die weibliche Seite Schritt für Schritt näher heran. Am Ende stehen beide Seiten rechts und links von ihr. Ihr Satz dazu: „Ich darf stark sein und mich trotzdem anlehnen.“ Was sie daraus für ihren Alltag mitnimmt, entscheidet sie selbst.
Weibliche und männliche Seiten in der Partnerschaft
Das Verhältnis der inneren Seiten zeigt sich oft besonders deutlich in Beziehungen. Wer die eigene durchsetzungsstarke Seite kaum lebt, sucht sich manchmal Partner:innen, die diese Rolle übernehmen, und fühlt sich dann übergangen. Wer die eigene weiche Seite abgespalten hat, wünscht sich vielleicht Nähe, kann sie aber schwer zulassen. In Paaren entsteht so mitunter eine starre Verteilung: Eine Person ist „die Starke“, die andere „die Gefühlvolle“. Das kann eine Zeit lang gut funktionieren und später beide einengen. Wenn beide Menschen mehr Zugang zu ihren eigenen Seiten finden, wird die Beziehung oft beweglicher.
Was Sie vorab für sich erkunden können
Wenn Sie das Thema anschauen möchten, können Sie sich vorher ein paar Fragen stellen: In welchen Situationen fühle ich mich ganz bei mir? Wann werde ich hart, wann klein? Welche Eigenschaften bewundere ich an anderen, traue sie mir selbst aber nicht zu? Welche Frauen und Männer aus meiner Familie haben mich besonders geprägt? Sie brauchen keine fertigen Antworten. Schon die Fragen geben oft eine erste Richtung für die Aufstellung.
Für wen das Thema passen kann
- wenn Sie sich ständig um andere kümmern und dabei sich selbst vergessen
- wenn Ihnen Durchsetzung schwerfällt oder Sie sich nur mit Härte schützen können
- wenn Sie in Beziehungen immer wieder dieselbe Rolle übernehmen
- wenn Sie verstehen möchten, welche Bilder von Frausein und Mannsein Sie aus Ihrer Familie übernommen haben
Ein offenes Wort zum Schluss: Aufstellungsarbeit ist eine erfahrungsorientierte Methode mit begrenzter wissenschaftlicher Grundlage. Sie kann neue Sichtweisen anstoßen, ein bestimmtes Ergebnis kann ich nicht versprechen.
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