Adoption und Pflegefamilie: zwei Familiensysteme in einem Leben
Wer adoptiert wurde oder in einer Pflegefamilie aufgewachsen ist, trägt zwei Familiengeschichten in sich: die der Menschen, von denen er abstammt, und die der Menschen, mit denen er gelebt hat. Oft ist über die eine viel bekannt und über die andere fast nichts. Fragen nach Herkunft, Zugehörigkeit und Loyalität können ein Leben lang begleiten. Eine Familienaufstellung bei Adoption oder in einer Pflegefamilie kann ein Raum sein, in dem beide Systeme sichtbar werden dürfen – ohne dass man sich zwischen ihnen entscheiden muss.
Zwei Familiensysteme in einem Leben
In der Aufstellungsarbeit verstehen wir eine Familie als System: ein Geflecht von Beziehungen, in dem jedes Mitglied einen Platz hat und in dem Ereignisse über Generationen nachwirken können. Bei Adoption und Pflege kommen zwei solcher Systeme zusammen. Da ist die Herkunftsfamilie mit den leiblichen Eltern, Großeltern und vielleicht Geschwistern, die man nie kennengelernt hat. Und da ist die Lebensfamilie: Adoptiv- oder Pflegeeltern, die Kinder großgezogen, versorgt und geliebt haben.
Beide Systeme sind für das Kind bedeutsam, auch wenn eines davon im Alltag kaum vorkommt. Die leiblichen Eltern haben das Leben gegeben, die sozialen Eltern haben es begleitet und geformt. Schwierig wird es oft dann, wenn eines der Systeme ausgeblendet, abgewertet oder idealisiert wird. Dann entsteht im Inneren eine Lücke oder eine Spannung, die sich nicht so leicht in Worte fassen lässt.
Typische Fragen und Gefühle
Menschen, die adoptiert wurden oder in Pflege aufwuchsen, beschreiben sehr unterschiedliche Erfahrungen. Manche haben sich in ihrer Familie von Anfang an zugehörig gefühlt und interessieren sich erst spät für ihre Herkunft. Andere hatten schon als Kind das Gefühl, irgendwie anders zu sein. Häufige Themen sind:
- Zugehörigkeit: Wo gehöre ich eigentlich hin? Darf ich mich ganz als Teil meiner Adoptiv- oder Pflegefamilie fühlen?
- Herkunft: Wer sind meine leiblichen Eltern? Warum wurde ich abgegeben? Was weiß ich über meine Wurzeln, und was möchte ich wissen?
- Loyalitätskonflikte: Wenn ich mich für meine leibliche Mutter interessiere, verletze ich dann meine Adoptivmutter?
- Verlust und Trennung: Auch eine sehr frühe Trennung kann Spuren hinterlassen, etwa in Form von Verlustängsten oder Schwierigkeiten, Vertrauen zu fassen.
- Identität: Besonders bei Auslandsadoptionen oder unterschiedlicher kultureller Herkunft stellt sich die Frage, welche Teile der eigenen Geschichte zur Identität gehören.
Keine dieser Fragen ist ein Zeichen dafür, dass etwas „falsch“ gelaufen ist. Sie gehören zu einer Lebensgeschichte, die mit zwei Familien beginnt.
Loyalität zu beiden Familien
Ein zentrales Thema in der Arbeit mit adoptierten Menschen und Pflegekindern ist die doppelte Loyalität. Kinder sind ihren Eltern zutiefst verbunden – und zwar beiden Elternpaaren. Die Verbindung zu den leiblichen Eltern besteht auch dann, wenn man sie nie gesehen hat. Sie zeigt sich vielleicht in einer unerklärlichen Sehnsucht, in Fantasien über die Herkunft oder in einer Traurigkeit, für die es keinen konkreten Anlass zu geben scheint.
Gleichzeitig fühlen sich viele Adoptierte und Pflegekinder ihren sozialen Eltern verpflichtet. Sie möchten nicht undankbar wirken und spüren vielleicht, dass die Frage nach der Herkunft bei den Adoptiveltern Unsicherheit oder Schmerz auslöst. So bleibt die Neugier oft im Verborgenen.
In einer Aufstellung kann sich zeigen, dass beide Loyalitäten nebeneinander Platz haben. Es kann sehr entlastend sein zu erleben, dass die leibliche Mutter einen Platz bekommen darf, ohne dass die Adoptivmutter ihren verliert. Oft wird spürbar: Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.
Was eine Familienaufstellung bei Adoption zeigen kann
In einer Aufstellung zu diesem Thema stellen Sie beide Familien auf, soweit Sie es möchten: sich selbst, die leiblichen Eltern, die Adoptiv- oder Pflegeeltern und gegebenenfalls weitere Personen. Im Einzelsetting geschieht das mit Figuren, Bodenankern oder Kissen. Keiner der Beteiligten muss anwesend sein, und Sie müssen auch nicht alles über Ihre Herkunft wissen.
Gerade dieser Punkt ist wichtig: Viele Adoptierte kennen von ihren leiblichen Eltern nur wenige Fakten, manchmal nicht einmal einen Namen. Trotzdem können diese Menschen in einer Aufstellung einen Platz bekommen. Es geht dabei nicht darum, Wissen über sie zu „erspüren“ oder Tatsachen zu rekonstruieren. Eine Aufstellung liefert keine Informationen über reale Personen. Sie zeigt vielmehr, welches Bild Sie in sich tragen und wie Sie zu diesen Menschen stehen.
Häufig wird in solchen Aufstellungen deutlich, dass ein Teil der eigenen Geschichte bisher keinen Raum hatte. Wenn die leiblichen Eltern zum ersten Mal sichtbar im Raum stehen, reagieren viele Menschen mit starken Gefühlen: Trauer, Wut, Erleichterung, manchmal auch einem überraschenden Gefühl von Ruhe. All das darf sein.
Ein typisches Beispiel
Ein typisches Beispiel, zusammengesetzt aus mehreren ähnlichen Verläufen: Ein Mann Ende dreißig wurde als Säugling adoptiert. Er beschreibt eine gute Beziehung zu seinen Adoptiveltern, aber in Partnerschaften fällt es ihm schwer, sich wirklich einzulassen. In der Aufstellung stellt er die Adoptiveltern nah zu sich, die leibliche Mutter jedoch ganz an den Rand des Raumes, mit dem Rücken zu ihm. Als die Position der leiblichen Mutter verändert wird und sie ihn ansehen kann, wird er sehr still. Er sagt, er habe immer gedacht, sie sei ihm egal. Jetzt spüre er, wie viel Traurigkeit da ist. Die Adoptiveltern bleiben in der Aufstellung an seiner Seite. Für ihn ist das ein erster Schritt, beiden Familien innerlich einen Platz zu geben.
Wenn Sie Ihre leiblichen Eltern suchen oder treffen möchten
Viele adoptierte Menschen entscheiden sich irgendwann, nach ihren leiblichen Eltern zu suchen. Manchmal geschieht das nach der Geburt eines eigenen Kindes, manchmal nach dem Tod der Adoptiveltern, manchmal ohne erkennbaren äußeren Anlass. Eine solche Suche ist oft mit großen Hoffnungen und ebenso großen Ängsten verbunden: Was, wenn ich abgewiesen werde? Was, wenn die Wirklichkeit ganz anders ist als meine Fantasien? Und was, wenn ich gar nichts finde?
Eine Aufstellung kann eine solche Suche nicht ersetzen und auch nicht vorwegnehmen, was bei einer Begegnung geschehen wird. Sie kann aber helfen, sich innerlich vorzubereiten: die eigenen Erwartungen wahrzunehmen, Ängste ernst zu nehmen und zu spüren, wo man selbst steht, bevor man auf einen anderen Menschen zugeht. Ebenso kann sie nach einer Begegnung hilfreich sein, wenn das Erlebte verarbeitet werden möchte – sei es eine berührende Annäherung, eine Enttäuschung oder eine Mischung aus beidem. Manche Menschen entscheiden sich nach einer Aufstellung auch bewusst gegen eine Suche, und auch das ist ein legitimer Weg.
Für Adoptiv- und Pflegeeltern
Auch Adoptiv- und Pflegeeltern kommen mit Anliegen in die Aufstellung. Manche möchten verstehen, warum ihr Kind sich zurückzieht oder sehr heftig reagiert. Andere setzen sich mit eigenen Themen auseinander: mit unerfülltem Kinderwunsch, mit dem Gefühl, nicht genug zu sein, oder mit der Angst, das Kind an die leibliche Familie zu „verlieren“.
Eine Aufstellung kann hier helfen, die Situation aus einer anderen Perspektive zu sehen. Oft wird deutlich, dass das Kind dann am freiesten ist, wenn die leiblichen Eltern in der Familie nicht verschwiegen, sondern respektvoll mitgedacht werden. Für Pflegeeltern kann es außerdem um die besondere Rolle gehen, ein Kind zu begleiten, dessen Zukunft offen ist, und um den Kontakt zur Herkunftsfamilie, der manchmal herausfordernd ist.
Wichtig ist mir dabei: Eine Aufstellung ersetzt keine fachliche Beratung durch Jugendamt, Adoptionsvermittlungsstelle oder Pflegekinderdienst. Sie kann aber eine sinnvolle Ergänzung sein, um eigene innere Prozesse zu klären.
Für leibliche Eltern, die ein Kind abgegeben haben
Seltener, aber ebenso bedeutsam sind Anliegen von Müttern und Vätern, die ein Kind zur Adoption freigegeben haben oder deren Kind in einer Pflegefamilie lebt. Häufig ist dieses Thema von Schuld, Scham und Schweigen umgeben. In einer Aufstellung kann das Kind einen Platz bekommen, und es kann Raum entstehen für die Trauer und für die Umstände, unter denen die Entscheidung damals getroffen wurde. Auch hier geht es nicht um ein Urteil, sondern darum, das Geschehene anzuerkennen.
Behutsamkeit und Grenzen der Methode
Adoption und Pflege berühren oft tiefe Schichten: frühe Bindungserfahrungen, Verlust, manchmal auch Vernachlässigung oder Gewalt in der Herkunftsfamilie. Deshalb arbeite ich in diesem Feld besonders behutsam. Im Vorgespräch klären wir, was Sie über Ihre Geschichte wissen, was Sie sich von der Aufstellung erhoffen und ob es Themen gibt, bei denen wir vorsichtig sein sollten. Sie bestimmen, wie weit wir gehen.
Offen und transparent: Aufstellungsarbeit ist eine erfahrungsorientierte Methode, deren wissenschaftliche Grundlage begrenzt ist. Sie kann neue Perspektiven eröffnen, aber ich verspreche keine bestimmten Ergebnisse. Wenn frühe Bindungsverletzungen stark belasten, kann eine begleitende Psychotherapie sinnvoll sein.
Aufstellungsarbeit ist außerdem keine Krisenintervention. Wenn Sie sich in einer akuten seelischen Krise befinden, wenden Sie sich bitte an den Berliner Krisendienst unter 030 390 63 00 oder an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.
Herkunft und Sprache
Manche Menschen haben eine Herkunftsgeschichte, die über Landesgrenzen hinausreicht – etwa eine Adoption aus Russland, der Ukraine oder einem anderen Land der ehemaligen Sowjetunion. Für sie kann es eine besondere Bedeutung haben, sich in einer Aufstellung auch mit der Sprache und Kultur der Herkunftsfamilie zu verbinden. Ich bin selbst in Kaliningrad geboren, Russisch ist meine Muttersprache, und ich lebe seit 2001 in Berlin. Sitzungen sind auf Deutsch oder auf Russisch möglich, auch gemischt, je nachdem, was sich für Sie stimmig anfühlt.
Wie eine Aufstellung zu Adoption oder Pflege abläuft
Am Anfang steht ein unverbindliches Kennenlerngespräch. Darin besprechen wir Ihr Anliegen und ob eine Aufstellung für Sie passend ist. Für dieses Thema empfehle ich in der Regel eine längere Sitzung von 90 oder 120 Minuten, damit genug Zeit für Vorgespräch, Aufstellung und Nachbesprechung bleibt. Die Kosten liegen bei 120 beziehungsweise 160 Euro; eine kürzere Sitzung von 55 Minuten kostet 90 Euro. Weitere Informationen finden Sie unter Ablauf einer Aufstellung.
Wenn in Ihrer Familiengeschichte Menschen fehlen, über die nicht gesprochen wurde, könnte auch der Beitrag über vergessene und ausgeschlossene Familienmitglieder für Sie interessant sein. Und wer sich mit der Beziehung zu den Eltern allgemein beschäftigen möchte, findet dazu den Artikel Die Beziehung zu den eigenen Eltern.
Möchten Sie Ihrer Herkunfts- und Ihrer Lebensfamilie einen Platz geben?
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